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Referat: Christliches Menschenbild PDF Drucken
Geschrieben von Professor Walter Kardinal Kasper   
Samstag, 16. Februar 2008

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Impulsreferat -

Professor Walter Kardinal Kasper wurde am 6. April 1957 in Rottenburg zum Priester geweiht. Er ist heute einer der führenden deutschen Theologen und internationalen Religionswissenschaftler und unter anderem der Mitherausgeber des "Lexikon für Theologie und Kirche". Er war erst in Münster, danach in Tübingen; 1971 spielte er bei der Würzburger Synode  eine herausragende Rolle. 

1979 wurde Kardinal Kasper Vertreter der katholischen Kirche in der Kommission "Glaube und Kirchenverfassung" des Ökumenischen Rates in Genf. Im März 1999 wurde Kardinal Kasper von Papst Johannes Paul II. zum Sekretär des päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen berufen.

Kardinal Kasper wurde im Februar 2001 zum Kardinal erhoben und sind seitdem noch mehr ein "Weltreisender in Sachen Ökumene", wie es die Süddeutsche Zeitung einmal gesagt hat. Außer um die Ökumene mit den evangelischen Christen hat sich der Kardinal um die Zusammenarbeit mit der othodoxen Kirche verdient gemacht.

Die Frage ist: Was ist der Mensch?

Es ist die Frage, die am Ursprung unserer abendländischen, unserer europäischen Kultur steht. Diese Frage wurde gestellt von Sokrates, von dem das ganze philosophische Denken des Abendlandes ausgeht. Es geht nicht von der Frage aus, was ist der Mensch, sondern: Wer bin ich? Das ist die Rückfrage, vor der jeder steht und die sich uns dann beim Erwachsenwerden stellt, im Adoleszenzalter, wo die Mädels etwas zickig und die Buben widerspenstig werden. Wo man anfängt sich selber zu fragen: Wer bin ich eigentlich? Und diese Frage nach der eigenen Identität: Woher komme ich? Wohin geht das Leben? Was soll ich tun? Was darf ich tun? Was kann ich tun? Diese Frage ist heute besonders schwierig zu beantworten. Unter diesem großen Pluralismus von Angeboten leiden junge Menschen. Als ich aufgewachsen bin, das war noch während der Zeit des Dritten Reiches, während des Krieges, da war das viel, viel einfacher. Die Fronten waren völlig klar. Wenn man katholisch war und wie ich in einem katholischen Dorf aufgewachsen ist, dann war man nicht für die Nazis. Da wurden die Dinge noch sehr klar gehandhabt. Das ist heute für junge Menschen überaus schwierig, auch für Erwachsene schwierig, weil jeder von uns unter der Vielzahl von unterschiedlichen Erwartungen, unterschiedlichen Rollen steht, weil es wenig überzeugende Vorbilder gibt.
Nun diese Frage - Was ist der Mensch? – und damit: Wer bin ich? wird auch in der Bibel gestellt, im Psalm 18: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst.“ Unmittelbar geht diesem Psalmvers voraus: „Sehe ich in den Himmel das Werk deiner Hände, Mond und Sterne, die unbefestigt“, da spricht der Mensch von der Größe des Weltalls. Er ist ein kleines Stäubchen in diesem Weltall. Wir wissen heute noch viel mehr von der Größe des Weltalls, als es der Psalmbeter damals wusste. Wir wissen auch von den wunderbaren Gesetzlichkeiten, die bis in die kleinsten Teile, die in die Atome und die Gene des Menschen hineingehen. Und da: „Wer bin ich eigentlich?“ Angesichts dieses Weltalls, all das angesichts dieser Größe der Natur und dann: „dass du seiner gedenkst.“ Trotzdem, ich meine, ich bin so groß, dass Gott meiner gedenkt. Gott ist da, er weiß, dass ich da bin, der dich nicht vergisst, der mich trägt, der meiner gedenkt. Und damit lenkt dieser Psalmvers zurück bereits zur ersten Seite der Bibel, der Genesis im ersten Buch Moses, wo es heißt, dass Gott den Menschen geschaffen hat nach seinem Bild und Gleichnis.

Der Mensch als Gottes Ebenbild 

Es ist vielleicht die grundlegendste Aussage der Bibel über das christliche Menschenbild: Der Mensch geschaffen nach Bild und Gleichnis Gottes. Das geht uns heute so leicht über die Lippen. Das war damals eine revolutionäre Aussage schlechthin. Denn Bild und Gleichnis Gottes, das war damals der König. Er galt als Gottes Sohn und Bild Gottes. Und jetzt wird es von dem Menschen ausgesagt. Die Aussage wird sozusagen demokratisiert, sie gilt für alle Menschen. Und sie gilt auch nicht nur für die Israeliten, sondern auch für die umliegenden Völker. Es ist eine revolutionäre Aussage, weil dort alle ethnischen und völkischen, alle religiösen und kulturellen Grenzen bereits auf der ersten Seite der Bibel gesprengt werden. Und von den Menschen schlechthin, unabhängig von seiner völkischen, religiösen, kulturellen Zugehörigkeit, unabhängig von seinem Geschlecht, er ist Bild und Gleichnis Gottes. Und das heißt: Ein Bild dessen, von dem man sich kein Bild machen kann und darf. Und Gott? In ihm ist etwas Unbedingtes und Absolutes, das unbedingten Wert hat, das unbedingt anzuerkennen ist. Ihm kommt, wie wir es modern sagen, eine absolute Würde zu. Das ist mit dieser Aussage gemeint.
Die unbedingte absolute Würde des Menschen, die jederzeit unter allen Umständen Respekt und Achtung verdient. Der Mensch, nie einfach nur ein Mittel zum Zweck, wie einem größeren Zweck, der Mensch ist Endzweck, Selbstzweck. Man darf ihn nicht instrumentalisieren für etwas anderes. Und damit widerspricht die Bibel nicht nur damaligen Herrschervorstellungen, sondern auch modernen Ideologien, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie den Menschen bewerten, dass er brauchbar wird. Im Dritten Reich hat es geheißen: Du bist nichts, dein Volk ist alles. Im Kommunismus hat es geheißen: Die Partei ist alles und jeder ist so viel wert, wie er der Partei und ihrer Führung wert ist und nützt. Und nicht viel anders ist es im heutigen absoluten ökonomischen Denken der Menschen. Der Mensch wird nach seinem Nutzwert beurteilt und bewertet. Wenn er nichts mehr nützt, wenn er nichts mehr bringt, wie man da heute sagt, dann gehört er heute zum alten Eisen. Als Mensch hat der Mensch einen Eigenwert und etwas Unverletzliches und Unantastbares und darum sieht die Bibel schon in den ersten Seiten die Folgerung, dass man den Menschen nicht töten, nicht umbringen oder morden darf. Das Gebot, „Du sollst nicht töten“, ist unmittelbar in dieser Grundaussage verwurzelt. Aber verwurzelt ist auch Respekt und Toleranz vor Menschen anderer Kulturen und anderer Religionen.

Der Mensch als Mann und Frau 

Verwurzelt ist hier auch die gleiche Würde von Mann und Frau. Ich geh da gleich weiter in der Bibel: Nach seinem Bild und Gleichnis schuf er sie, als Mann und Frau schuf er sie. Auch das ist eine revolutionäre Aussage: Mann und Frau dieselbe Würde, ebenbürtig aber nicht einfach gleich. Das ist etwas, was man heute oft verwechselt – ebenbürtig, gleiche Würde – aber nicht einfach gleich, sondern unterschiedlich. Darin liegt dann auch die Polarität, die Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern. Das begründet die Unterschiedenheit des Gleichen. Ich führe die Bibel gleich fort: Der Mann wird Vater und Mutter verlassen, um seiner Frau anzuhängen. Hier wird die Anziehungskraft zwischen diesen beiden beschrieben. Aus dieser Grundaussage der Bibel und der Gottesebenbildlichkeit des Menschen wurde dann später in der Philosophie der Begriff der Person abgeleitet, so wie die Würde und auch die neuzeitlichen Menschenrechte. Die wurden zwar ausdrücklich formuliert in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, aber sie haben nachweislich eine christliche Vorgeschichte und damit ist gesagt: Der Mensch als Mensch hat auf Grund seiner Geburt bestimmte Rechte, eine Würde, die nicht erst der Staat, die nicht erst die Gesellschaft verleiht. Es ist ihm in seine Wiege gelegt, das ist vorgegeben und damit zur Anerkennung aufgegeben. Das ist so die erste wichtige Aussage einer christlichen Anthropologie: Die Würde des Menschen, jedes Menschen, die ihm zukommt als Geschöpf Gottes.
Die zweite Aussage, die daraus im Grunde folgt, zeigt die moderne Anthropologie auf: Der Mensch ist eigentlich ein unbehaustes Wesen. Er ist überall und damit auch nirgends wirklich zu Hause. Er lebt einen unendlichen Horizont. Er kann sich in die unterschiedlichsten Umwelten einfügen. Er hat gar keine natürliche Umwelt. Das unterscheidet ihn vom Tier, das eingepasst ist in seine Umwelt und das instinktiv auf seine Umwelt reagiert. Der Mensch hat diese Umwelt nicht. Er muss sie sich erst selber schaffen.

Der Mensch ist ein Kulturwesen - Begründung der Freiheit

Er ist damit ein Kulturwesen. Der Mensch ist sich selber aufgegeben. Er ist ein weltoffenes Wesen und übersteigt damit in seinen Fragen die ganze Ding-Welt. Er fragt woher, wohin will ich? Wer bin ich? Was ist das? Der Mensch ist ein Geistwesen. Er ist nicht einfach ein Ding. Er übersteigt die Dinge, er durchdringt die Dinge mit seinen Fragen. Mit seinem Wissen und mit seiner Freiheit ist er sich selber aufgegeben. Er muss sein Leben damit selber in die Hand nehmen. Er ist nicht nur ein von außen gesteuertes Bündel von Trieben und Antrieben, sondern ein selbstbestimmtes Wesen. Er muss sich selbst bestimmen, selbst verantworten. Er ist nicht Objekt, er ist Subjekt. Und in dieser Selbstaufgegebenheit des Menschen, dass ich aus meinem Leben erst etwas machen muss, es selber gestalten muss, es dann aber auch verantworten muss, folgt: Ich kann mein Leben gewinnen und ich kann es aber auch verfehlen. Ich bin mir selber verantwortlich, vor mir, vor anderen und letztlich auch vor Gott.
Der Mensch also bejaht mit Geist und mit Freiheit. Er ist nicht nur ein Naturwesen, sondern ein Kulturwesen, ein Wesen, das frei ist, sich selbst bestimmen muss, das verantwortlich ist, für sein Leben, das sein Leben gestalten muss, das sich selber aufgegeben ist. Aber diese Geistnatur, diese freiheitliche Skulptur, die wesentlich für Menschen ist - sie ist konkret eingebunden.

Der Mensch, ein weiterer Punkt, ist ein leibhaftiges Wesen.

Seele und Leib gehören zum Menschen. Nicht als zwei Größen so nebeneinander, dass man sie auseinander nehmen kann, sondern in einer inneren Einheit von Leib und Seele. Das Christentum hat vom Ursprung her allen Leib verachtenden und geistigen Strömungen widersprochen. Leibesverachtungen gab es immer wieder in der Antike, im Spiritualismus. Aber es gibt auch Leibesverachtungen, die meinen, der Leib sei nur so ein Ding, das man ausnützen kann. Der Leib ist den Menschen aufgeprägt und er kann und darf sich freuen über die Schönheit seines Leibes. Es gibt auch wunderschöne Aussagen der Bibel, wie schön Gott den Menschen gemacht und gestaltet hat, wie wunderbar er ihn ausgedacht hat.
Der Mensch hat daher die Pflicht, seinen Leib gesund zu erhalten, ihn zu pflegen, ihn schön zu machen. Aber den Leib gilt es nicht zu vergötzen, das widerspricht etwa einem gesundheitlichen Gesundheitskult oder einer Ausbeutung des Leibes, sei es zur Arbeit oder sei es einfach zum Lustgewinn.

Diese moderne Ausbeutung des Leibes zum Lustgewinn ist im Grunde eine Verdinglichung des Leibes, die seiner Würde widerspricht. Das ist eine Grundeinsicht auch moderner Psychologie, dass der Mensch seinen Leib und seine leiblichen Kräfte vom Geist her in Zucht nehmen muss. Siegmund Freud, Begründer der modernen Tiefenpsychologie, der wirklich nun kein christlicher Kirchenvater war, hat gesagt, dass der Triebverzicht die Grundlage der Kultur ist. Wenn man seine Triebe nur laufen lässt, ihnen sozusagen alles gestattet, dann ist man unfrei, ist man nicht mehr frei für höhere Ziele und Aufgaben.
Wie gesagt der Triebverzicht, der Verzicht auf bestimmte Antriebe, ist die Grundlage der Kultur. Sie macht den Menschen erst frei für die Entscheidung. Andernfalls ist der Mensch gebunden, ein Sklave seiner Triebe. Also die Pflege, die Kultur des Leibes, aber auch die Zucht des Leibes und der leiblichen Antriebe - beides gehört zusammen: Die Sorge für den Leib, Sorge natürlich damit auch für das tägliche Brot. Dass es einen Grundbestand von täglichen Bedürfnissen gibt, die zu erfüllen sind, das gehört mit zur Würde des Menschen - aber auf der anderen Seite: die Freiheit gegenüber diesen leiblichen Gütern, sie bewusst einzusetzen, dort, wo sie den eigenen höheren Zielen dienen, Leib und Seele als innere Einheit. Durch den Leib sind wir zugleich soziale Wesen, eingebunden in die Geschlechterfolge, in die Familie, das Verhältnis von Mann und Frau, soziale Wesen. Keiner von uns ist ein isolierter Robinson Crusoe auf einer Insel, sondern der Mensch ist ein soziales Wesen.

Identität aus der Begegnung mit anderen 

Nicht nur seine leibliche Existenz, auch geistig findet der Mensch zu seiner eigenen Identität nur in der Begegnung mit anderen, im Verhältnis von ich und du, im Gespräch und im Lernen vom anderen. Die Identität ist deshalb immer eine offene Identität, eine kommunikative Identität. Ich bin eigentlich nur mit meiner Familie, mit meinen Freunden, mit den Mitarbeitern, mit den vielen Menschen, die ich kenne und die mich kennen, die gehören sozusagen zu mir selber. Ich bin ich selber nur als Teil auch meines Volkes, meiner Kultur, meiner Sprache.
Der Mensch drückt sich wesentlich aus durch die Sprache. Die Sprache ist nicht nur ein abstraktes Instrument der Kommunikation. Wenn man eine Fremdsprache lernt, merkt man, sobald man die andere Sprache spricht, denkt man anders. Jede Sprache hat einen ganz bestimmten Zugang zur Wirklichkeit. Es ist gar nicht das Gleiche, ob ich hier deutsch spreche oder italienisch. Es ist eine andere Kultur, ein anderer Zugang, eine andere Weise die Dinge auszudrücken. Das Englische, das ist wieder ein anderer Zugang zur Wirklichkeit, erst recht, wenn man natürlich an Sprachen eines ganz anderen Kulturkreises denkt, wie z. B. die asiatischen Sprachen. Das bedeutet, die eigene Identität ist eingebunden in eine große Kultur und in deren Werte. Mir geht es jedes Mal so, ich muss sehr viel reisen. Aber schon wenn ich nach Amerika reise, zu unserem westlichen Kulturkreis, ob ich da in London, Paris oder Rom oder in Frankfurt ankomme, macht nichts. Ich merke, ich bin wieder in Europa. Das ist eine andere Art und Weise sich zu geben, sich zu kleiden, und so weiter. Also zur Identität des Menschen gehört diese soziale Einbindung in die Familie, dann in Freundschaft.

Solidarität - Subsidiarität 

Schon die Grundaussage der antiken Philosophie bei Aristoteles heißt, dass keine Gesellschaft Bestand hat und zusammen hält, wenn keine Freundschaften bestehen. Ich selber habe noch den Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 erlebt. Da war die Familie die Stütze, dort hat man sich geholfen, und es gab freundschaftliche Bindungen, das hat geholfen. Von dort her konnte man erst wieder das Ganze neu aufbauen. Freundschaft, Familie, aber das dann im großen gesellschaftlichen Zusammenhang.
Für diese Ordnung der Gesellschaft des Staates gibt es zwei Regeln nach Christlicher Soziallehre: Das Gesetz der Subsidiarität und der Solidarität. Subsidiarität, das heißt der Staat, die übergeordnete staatliche Größe soll nichts tun, was die untergeordnete kleinere Größe, was der einzelne Mensch selber tun soll. Also kein totaler Versorgungsstaat, der mir alles abnimmt und ich sozusagen nur noch wie ein Kind bin, was an der Brust der Mutter hängt, und ich bekomme alles vom Staat. Was der Einzelne selber leisten kann, das soll er tun. Was die einzelne Kommune leisten kann, das soll nicht das Land tun. Was das Land tun kann, das soll nicht der größere Staat tun und was der Staat tun kann, soll nicht Europa tun. Das ist das Gesetz der Subsidiarität, das heißt Bürgernähe, die Nähe zum Einzelnen. Es soll die Freiheit und die Verantwortung des Einzelnen und der kleineren Gemeinschaft gewahrt werden. Das ist ein Gesetz, das sich gegen den totalitären, den totalen Staat, den totalen Versorgungsstaat richtet und das jeden Einzelnen in seiner Freiheit behaftet.

Rücksicht auf Andere 

Daneben gibt es aber das Gesetz der Solidarität. Das heißt: Der Einzelne muss dem Recht und den Ansprüchen des Anderen gerecht werden, Rücksicht nehmen. Ich kann nicht nur einfach mich durchsetzen wollen, sozusagen auf Kosten aller anderen. Die anderen müssen mich in meiner Freiheit achten, ich muss sie in ihrer Freiheit achten und ihnen ihr Recht einräumen und der Staat muss das Recht und die Gerechtigkeit für alle walten lassen. Insofern gibt es die Verteilungsgerechtigkeit und die Soziale Gerechtigkeit. Das ist sozusagen das bonum commune, das Gemeinwohl muss gewahrt bleiben. Das ist ein Gesichtspunkt, der in der üblichen politischen Mediendiskussion um Gerechtigkeit sehr oft verloren geht. Da denkt man immer nur, jeder muss sein Teil bekommen. Man muss aber auch daran den40 ken, dass die Ordnung und das Zusammenleben des Ganzen funktionieren, dass da die richtigen Proportionen und die Werte eingehalten werden. Und das nennt man die Soziale Gerechtigkeit. Dieses Denken und die Rücksicht auf das Ganze und dessen Funktionieren ist etwas, was unserem heutigen Individualismus oft sehr schwer fällt, was wir wieder lernen müssen. Aber ohne diese Rücksichtnahme auf das Gemeinwohl, auf das Ganze, kann auf die Dauer ein Staat, ein Volk nicht leben. Dann funktioniert das Ganze nicht. Man muss auch mal zurückstehen um des Ganzen willen, so wie mir das Ganze mehr Raum geben muss. Das ist im Einzelnen eine sehr schwierige politische Diskussion, wie man im Einzelnen auszudiskutieren hat, wie das verteilt wird. Aber Gerechtigkeit heißt nicht einfach jedem das Gleiche. Wenn sie heute jemanden das Gleiche geben, haben sie morgen schon nicht mehr das Gleiche. Der eine versteht etwas aus der Sache zu machen, der andere eben nicht. Jedem das, was ihm zusteht, und das, was er auch braucht - also die soziale Dimension des Menschseins, dass wir nicht nur Individuen, sondern Gemeinschaftswesen sind, eingebettet in das Ganze unseres Volkes. Dies müssen wir auch gelegentlich überlegen: Was verdanken wir eigentlich diesem Volk? Was verdanken wir unserer Sprache? Was verdanken wir der ganzen Welt der Kultur? Wir fangen ja nicht am Nullpunkt an. Das hat nichts mit Nationalismus und Deutschtümelei zu tun. Dies haben wir uns inzwischen abgewöhnt. Aber einen gewissen Stolz, ein Wertempfinden für das, was wir ererbt haben, was uns sozusagen als Erbe aufgegeben ist, das sollten wir schon in Deutschland auch wieder entwickeln und müssen das auch entwirren.

Der Mensch - ein religiöses Wesen

Ein weiterer Gesichtspunkt ist: Der Mensch, ein religiöses Wesen. Ich habe am Anfang gesagt, der Mensch ist nicht an eine bestimmte Umwelt gebunden. Er kann die Umwelt ändern. Er fragt nach dem Ganzen. Er übersteigt in seinen Fragen und Denken die ganze Dingwelt der Fragen. Was ist der Sinn des Ganzen? Warum bin ich eigentlich und wozu bin ich eigentlich? Was ist der Sinn meines Lebens und was ist der Sinn unserer Existenz? Das sind Grundfragen, die zum Menschen gehören, und wenn sie nicht mehr gestellt werden, fehlt uns etwas Wesentliches. Und so hat der Mensch einen Drang auf das Ganze der Wirklichkeit. Er hat damit eine religiöse Dimension, die alles Endliche übersteigt, die ins Unendliche hineingeht. Und das ist letztendlich damit gegeben, dass er Bild und Gleichnis Gottes ist. Der Mensch kann gar nicht aufhören, die religiösen Fragen zu stellen. Aber er kann sie falsch beantworten. Er kann das Absolute mit endlichen Dingen gleichsetzen. Und sobald ich das Absolute mit endlichen Dingen gleichsetze, es zum Letztwert mache, dann kommt es zum Götzendienst.
Der Götzendienst ist nicht eine Sache, die es nur in der Vergangenheit mal gegeben 41 hat. Es gibt heute sehr viel Götzendienste. Wenn man bestimmte endliche Werte, sagen wir mal das Geld ist für mich das letzte, was ich lassen will, und die Ehe und das Ansehen ist für mich das letzte, was ich lassen will, oder dass ich Macht habe, ist für mich das letzte oder sich sexuell zu befriedigen ist für mich das letzte. Und deswegen gebe ich alles. Luther hat einmal gesagt: Woran man sein Herz letztlich hängt, das ist mein Gott oder mein Abgott, mein Götze. Diese Versuchung des Götzendienstes bestimmt den Wert des zu Verabsolutierenden, die im Grunde endlichen Werte sind schon Werte. Doch alles ist etwas Wertvolles, es ist nicht Nichts. Aber wenn ich es zum Letztwert mache, dann wird es ein Götze. Dies kann dann ideologisch werden: Besitz, Genuss, Ehre, Macht, Ansehen, also daran, woran man letztlich sein Herz hängt, was mir letztlich heilig ist.
Man muss sich fragen: Was ist mir letztlich heilig? Jeder Mensch hat so etwas, was er nicht in Frage stellen lassen will: was er braucht, was ihm heilig ist. Und die Bibel kennt dieses Heilige, aber das ist die Grundentscheidung der Bibel. Dieses Heilige ist etwas, was von allem Weltlichen unterschieden ist. Alles Weltliche ist Schöpfung und ist damit gut und hat einen Wert und ist damit nicht zu verachten. Aber es ist nicht der Letztwert.

Gott ist sozusagen transzendent - jenseitig aller dieser irdischen Werte. Man soll den Namen Gottes heiligen, d. h. ihn nicht verwechseln mit irdischen Dingen, irdischen Werten, Gott sozusagen über alles lieben - dieses Hauptgebot heißt dann: Und alles andere in Gott. Gott schon in allen Dingen finden, weil Gott alles an Spuren überall, von eben allen Dingen geschaffen hat, aber ihn mit nichts Endlichem identifizieren.
Und das bedeutet etwas ganz Entscheidendes. Dies bedeutet, dass man die innerweltliche Ordnung nicht einfach von Gott und vom Religiösen her ableiten kann. Sie hat sozusagen ihren Eigenwert. Sie ist nicht einfach göttlich. Dies mussten wir Christen erst mühsam erlernen in der Neuzeit: Es gibt einen Eigenwert der Wissenschaft, der Kultur, der Wirtschaft, der Politik. Die hat ihre eigenen Gesetzlichkeiten. Die kann man nicht einfach von der Theologie, von der Kirche her übernehmen und von der Religion ableiten. Es gibt eine legitime Säkularität der weltlichen Ordnung. Die legitime Säkularität der weltlichen Ordnung, eine legitime Autonomie der innerweltlichen Sachbereiche, wo die Fachleute dann zuständig sind, diejenigen, die diese Ordnung kennen oder die Gesetze kennen. Aber diese innerweltliche Säkularität ist etwas anderes als der Säkularismus. Und das ist bei den gegenwärtigen politischen Diskussionen und europäischen Diskussionen ganz entscheidend. In Frankreich wird die leise Idee vertreten, die Welt sei säkular zu interpretieren. Aber die Gefahr dort ist, dass man aus der leisen Welt selber wieder eine Religion, eine Ideologie macht und dies zum Letztwert macht und das dann natürlich wieder nutzt zum Götzen, also Säkularität - innerweltliche Ordnung.
Die Kirche kann nicht über politische Systeme entscheiden, es ist nicht ihre Aufgabe in die konkrete Politik hineinzureden. Aber sie kann Werte vertreten, die sozusagen für jede politische Ordnung gültig und wichtig sind. Der Säkularismus dagegen, wo es nur noch eine innerweltliche Ordnung gibt, das ist - und dies stellt sich immer mehr heraus - eine europäische Sonderentwicklung seit dem 18. Jahrhundert und vermutlich eine europäische Sackgasse geworden. Wir kennen in der ganzen Kultur- und Geistesgeschichte keine Kultur, die nur das Säkulare gelten lassen will. Alle Kulturen der Menschheit, die wir kennen, haben diese religiöse Dimension bei sich. Die ist uns im 18. und 19. Jahrhundert und dann durch die Katastrophe im 20. Jahrhundert weitgehend in Europa abhanden gekommen. Und heute sagen uns das auch wieder die anderen Völker. Und ein Grund, warum die Islamisten, für die ich wahrlich nicht eintrete, die europäische Kultur so verachten, liegt darin, dass diese religiöse absolute Dimension fehlt, dass sie rein weltlich geworden ist.

Heute spricht man dann schon wieder von einer postsäkularen Gesellschaft. Einer der wichtigsten Denker in Deutschland, der Philosoph Jürgen Habermas, der ja aus einer ganz anderen, nicht aus der christlichen Tradition kommt, der entdeckt dies heute wieder und sagt, ja es gibt religiöse Begriffe und Sprachen, die können Wirklichkeitsdimensionen ausdrücken, für die wir gar keine anderen Ausdrucksmöglichkeiten haben, die uns entfallen sind. Wir müssen also auch wieder von der Religion lernen. Man muss die religiöse Sprache sozusagen wieder in die weltliche Sprache übersetzen. Er macht dies aber vor allem an den Dingen deutlich, von denen wir ausgegangen sind. Dass der Mensch Bild und Gleichnis Gottes ist, er sagt ja, dass kann man weltlich übersetzen, das ist, dass die Person unbedingt menschlich würdig ist, also sagt er, dass die religiöse Sprache nicht einfach abgetan und sinnlos für uns ist. Auch für Leute wie er, die religiös unmusikalisch sind, wie er sich selber bezeichnet, hat die religiöse Sprache eine Bedeutung. Und er hat den Eindruck, dass auch wieder religiöse Werte neu geschätzt werden und auch wieder neu aufkommen, nicht nur durch den Islam, auch in den Vereinigten Staaten sieht man das sehr deutlich.

Eine weitere Dimension: Der Mensch als ein ethisches Wesen.

Die religiöse und soziale die Dimension des Menschen spiegeln sich sozusagen im Menschen selber wider, weil der Mensch ein Bild und Gleichnis Gottes ist und dies ist in ihm eingebrannt. Sie spiegeln sich in dem, was man das Gewissen des Menschen nennt. Das Gewissen, die Bibel spricht vom Herzen des Menschen, dem Heiligtum des Menschen, eine Stimme, die jeder, der nachdenklich ist, in sich selber spürt, die ihm sagt, tu das, lass das, tu das Gute, lass das Böse. Diese Stimme des Gewissens. Man hat, wie man sagt ein schlechtes Gewissen, wenn man dem nicht gefolgt ist. Gewissen, das hat nichts zu tun mit den Gefühlen, was man so aus dem Bauch heraus tut. Das Gewissen verweist auf objektive Werte. Die grundlegendsten objektiven Werte sind, was man die goldene Regel nennt. Diese finden wir in allen Kulturen der Menschheit. Die goldene Regel heißt negativ, dem Anderen nicht das anzutun, was man sich selber nicht tut, oder positiv formuliert, dem Anderen das 43 zu tun, was man für sich selber wünscht. Das heißt, eine gewisse Sensibilität für den Anderen zu entwickeln. Diese goldene Regel, also das zu tun, was man selber für sich wünscht, aus der kann man im Grunde weitgehend das ganze zwischenmenschliche Verhalten ableiten: Gerechtigkeit, Rücksicht nehmen, Respekt voreinander, die Feinfühligkeit voreinander. Diese goldene Regel ist den Menschen ins Herz geschrieben. Da spiegelt sich in uns das, was wir zutiefst sind. Letztlich sind das alle 10 Gebote der Bibel. Die stehen ja nicht nur in der Bibel. Die hat die Bibel schon aus alten Kulturen übernommen. Das sind Menschheitserfahrungen, die dort formuliert sind, dass man nicht töten soll, dass man nicht lügen soll, dass man kein falsches Zeugnis geben soll. Weil die Gesellschaft nicht funktioniert, wenn man sich nicht darauf verlässt, dass der Andere dir normalerweise einfach die Wahrheit sagt. Es funktioniert keine Gesellschaft mehr, wenn solche Regeln nicht mehr gelten. Und dieses Gewissen, diese Stimme, die kann man unterdrücken, die kann verkümmern, die kann abstumpfen, sich verfinstern. Da sage ich, es ist eine wichtige Aufgabe der Erziehung, den Menschen zu erziehen, auf sein Gewissen zu hören und ihm zu folgen. Der Mensch ist ein Wesen, das erzogen werden muss. Und nicht, dass ihm etwas aufgedrückt werden muss an Wertvorstellung, sondern dass er nach den Werten, die er selber in sich trägt und direkt in sich spürt, verantwortlich handelt und dann auch zu seinen Taten steht und Verantwortung übernimmt.

Schließlich, kommen wir zum letzten Punkt:

Der Mensch als ein der Erlösung bedürftiges Wesen.
Wir alle erfahren eine Zwiespältigkeit, eine Gebrochenheit, eine Widersprüchlichkeit in uns. Einerseits möchten wir alle gut sein und andererseits schaffen wir es nicht. Wir bleiben dahinter zurück, werden übermächtigt von den eigenen Trieben, von der Umwelt und ihren Einflüssen, werden bestimmt von der persönlichen wie gemeinschaftlichen Schuldgeschichte. Man kommt sozusagen nicht da raus, aus sich heraus und aus dieser Geschichte heraus. Man zielt auf ein Unbedingtes und bleibt doch letztlich bedingt. Auch Gott bleibt mir letztendlich verborgen. Die Frage ist: Bleibt der Mensch also ein großes Fragezeichen? Das ist ein Sisyphusvergleich, der den Stein immer auf den Berg hinaufwälzt, und wenn er oben ist, rollt er wieder herunter. Ist das letztlich sinnvoll? Und hier lautet die Grundaussage der Bibel, dass in dieser zwiespältigen gebrochenen Situation uns Gott entgegenkommt, sich uns zeigt, sich auf menschliche Weise zeigt in Jesus Christus. Wir können Gott erfahren auf einem menschlichen Antlitz, und erfahren, dass dieser Gott uns annimmt, uns bejaht - trotz unserer Sünden, trotz unserer Schuld - dass er barmherzig ist, dass er uns immer wieder neu eine Chance gibt, dass Gott die Liebe ist. Erst aus dem Wort Gottes, aus der Offenbarung Gottes bekommen wir letztlich Klarheit, wer wir sind. Gott macht uns in Jesus Christus, den Menschen, die letzte Würde unseres Menschseins klar und schenkt sie uns.
Es gibt also beides. Größe und Elend des Menschen. Auch in Christus sehen wir beides. Die Größe, die Berufung zu Gott hin und auch das Elend der Sünde, das Leiden, der Tod. Aber wir erfahren auch, dass all dieses Leiden und Sterben - es gibt so viele Vorboten des Sterbens, des Abschiednehmens - letztendlich ein Durchgang sind zum ewigen Leben, dass wir berufen sind zum Leben über den Tod hinaus in alle Ewigkeit, dass Gott unserer gedenkt, um auf diesen Psalmvers zurückzukommen, von aller Ewigkeit und in alle Ewigkeit hinein. Und wir erfahren, dass das die Würde des Menschen ist, dass wir ewig im Glauben sind in diesem Gedenken, in dieser Liebe Gottes.

Vielleicht haben manche Schwierigkeiten mit diesen Aussagen, aber die Frage muss wenigstens bleiben. Die Frage nach den Werten, die uns trägt, muss bleiben. Die Frage muss uns bewusst sein. Wir leben nicht vom Brot allein, wir brauchen Maßstäbe, Vorbilder, Ideale, Werte. Es waren die Werte des christlichen Menschenbilds, die Europa gestaltet haben, die es geformt haben, die es groß gemacht haben. Ich selber weiß keine bessere Antwort als diese. Man kann ja auch mal dagegen fragen: Wer hat uns da besseres gegeben? Deshalb dürfen wir dankbar sein für diese christliche Tradition, die uns trägt und uns beschützt. Wir dürfen sie schätzen und sie lehrt uns, gerne frohe Menschen zu sein.

Anläßlich 1. Gesprächsforum zur Grundsatzprogrammdiskussion der CDU Thüringen

(Original unter: http://cdu-thueringen.de/fileadmin/ downloads/dokumente/Grundsatzprogramm_I._Gespr_chsforum.pdf) 

Letzte Aktualisierung ( Samstag, 16. Februar 2008 )
 
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